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Unser nächster Termin:

Am:       20.01.2021

Um :         20 Uhr

Ort:     Zoom,
Link bei Judith anfordern: j.ortenburger@hohenlinden-blueht.de

 Worum geht`s?

- Marktschwärmerei aufmachen?

- neue Blühwiesen, wer, wo, was

- Artikel im Mitteilungsblatt der Gemeinde: was kann man selber im Garten tun?

- Programm für 2021: Exkursionen und Infoveranstaltungen?

- GAP: was gibt´s Neues von der EU

 

Vom Wildobst zur Streuobstwiese

 

Die Früchte wild wachsender Bäume wie Vogelkirsche, Holzapfel und Holzbirne werden Wildobst genannt und  wurden schon in der Steinzeit gerne gegessen. Die Ursprünge unserer meisten heutigen Obst-Kulturformen liegen im Orient. Bereits mit den Römern kam der Obstbau bis zu uns. Vor allem in den mittelalterlichen Klöstern wurde die Züchtung vielfältiger, robuster Regionalsorten betrieben. 

 

An Fürstenhöfen und in Städten gab es Obstgärten, zunächst meist innerhalb der Hof- oder Stadtmauern.  Ab dem 16. Jh. legte man aus zunehmendem Platzmangel Obstbestände als Gürtel um die Städte herum an. Auf dem Land wurde der Obstbau bis zum 19. Jahrhundert nur in kleinem Maßstab betrieben und diente fast ausschließlich zur Selbstversorgung der Dorfbewohner mit Frischobst.

 

 

 

Die Industrialisierung führte ab dem 19.Jh. zu einem großen Bevölkerungswachstum in den Städten, die sich ab da nicht mehr selbst mit Obst versorgen konnten. Damit war die Nachfrage für einen neuen Markt geschaffen: Der Anbau wurde lukrativ und Obst war erstmals eine Handelsware.

 

Hier liegt der Ursprung unserer Streuobstwiesen :

 

Um möglichst wenig landwirtschaftlich genutzte Fläche an den Obstbau zu verlieren, wurden hochstämmige Bäume – in großer  Sortenvielfalt-entlang von Wegen, an schwer zu bearbeitenden Hängen oder locker verstreut auf Wiesen  gepflanzt. So konnten die Wiesen trotzdem beweidet oder gemäht werden. Bis über die Mitte des 20. Jh. prägte der Streuobstbau als naturverträgliche, auch optisch sehr reizvolle Kulturform die Landschaft um unsere Orte. 

 

 

StreuobstwieseStreuobstwiese

 

Mit dem Aufschwung der industriellen Obsterzeugung - wenige Sorten in größeren Erntemengen - haben Streuobstwiesen an Bedeutung verloren. Für die robusten, an die jeweiligen Standortbedingungen angepassten Hochstämme war kein Platz mehr. 1953 beschloss das Ernährungsministerium eine „Rodungsprämie“: Fast eine Million Obstbäume wurde alleine in der (alten) Bundesrepublik mit ausdrücklicher Unterstützung durch EG-Subventionen bis in die 1970ger Jahre gerodet, um das angeblich in zu großer Menge anfallende und als minderwertig eingestufte Obst aus dem Markt zu halten.

 

Auch der hohe Arbeitsaufwand für die Streuobstpflege, Intensivierung der Grünlandwirtschaft,  Flur-bereinigung und zunehmende Verbauung durch die Ausweitung von Siedlungs- und Gewerbeflächen haben die Bestände zurückgehen lassen. Bis 1990 waren ca. 60% bis 80% der vorhandenen Streuobstflächen aus unserer Kulturlandschaft verschwunden und damit Lebensräume, die zu den artenreichsten in Mitteleuropa zählten.

 

 

 

Auf Streuobstwiesen wurden mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten nachgewiesen. Da auf den extensiv genutzten Flächen keine Mineraldüngung, kein Einsatz  synthetischer Pflanzenbehandlungsmittel und nur zweimal im Jahr eine Mahd stattfindet, kann diese Artenvielfalt existieren.

 

Je nach Bodentyp und Nutzungsart kommen als „untere Etage“ unterschiedliche Pflanzengesellschaften, z.B. Glatthaferwiesen vor. Dort wachsen neben dem Glatthafer Wiesen-Pippau, Wiesen-Labkraut, Wiesen-Storchschnabel, Wiesen-Klee, Margerite, Wiesen-Bocksbart, Wiesen-Glockenblume,  Flockenblume und Rote Lichtnelke.

 

Blütensäume unterstützen die Biotopvernetzung und sind vor allem für Insekten wichtig. Diese locken wiederum viele andere Tiergruppen an. Da das Mahdgut der Wiesen teilweise als natürlicher Dünger auf den Baumscheiben verbleiben kann, dient es auch als Nahrungsquelle und Unterschlupf z.B. für Igel.

Typische und geschützte Arten der "oberen Etage" sind Steinkauz, Wendehals, Grün- und Buntspecht. Im alten, knorrigen Obstbaumgehölz finden in Stammhöhlen auch Fledermäuse, Haselmaus und Siebenschläfer Unterschlupf.

Das Wort „Streuobstwiese“ stammt übrigens aus dem Jahr 1975, als die naturschutzfachliche Bedeutung dieses Lebensraumes - insbesondere für den Erhalt unserer Vogelarten - erkannt wurde.

 

Streuobstwiesen gelten heute als Arche Noah für alte, regionale Obstsorten. Sie stellen ein wichtiges Reservoir für den Sorten-Genpool dar. Mehr als 1200 Apfel- und 1000 Birnensorten, 250 Kirsch- und 320 Zwetschgensorten sind bekannt. Sie schmecken nicht nur aromatisch, sondern tragen auch noch so hübsche Namen wie "Schafsnase" oder "Lederhosenbirne". Manche Sorten eignen sich bestens als Tafelobst, andere sind besonders resistent gegen Pilz- und Schädlingsbefall. Manche sind sehr gut lagerfähig, andere für die Herstellung von Marmeladen oder Gelees bestens geeignet.

Auch Honig ist ein typisches Obstwiesen-Produkt: Gerne platzieren Imker ihre Bienenvölker neben einer Streuobstwiese. Für sie und ihre Verwandten, die Wildbienen, bietet die reiche und regelmäßige Blüte ab März eine üppige Weide.

Trotz all dieser Vorzüge sind Streuobstwiesen stark bedroht. Mittlerweile gilt  nicht mehr die Obstproduktion, sondern eine ökologische Zielsetzung als Hauptargument für die Erhaltung der noch vorhandenen Bestände. Doch diese Sichtweise führte zu einem anderen Dilemma. Da die Obsternte aus ökologischer Sicht nur ein „Beiwerk“ ist, wurden viele Bestände weder gepflegt, noch bewirtschaftet. Dadurch kam es  zu einer Vergreisung vieler alter Bestände und übermäßigem Wachstum der Krautschicht bis hin zur Verbuschung.

Nur wenn das Wissen um die Bedeutung und Pflege dieser wertvollen Biotope erhalten und entsprechend honoriertwird, haben Streuobstwiesen in Zukunft eine reale Chance. Die Vermarktung von Säften aus

Streuobstbeständen bietet hierzu eine Möglichkeit. Unser Kaufverhalten entscheidet daher mit, ob landestypische Kulturlandschaften erhalten bleiben.

30.08.2020

Autorin: Dipl.-Biol. Ursl Kunz